Vermeidung des F-Worts um jeden Preis

Schon vor einiger Zeit hat das geprüfte Argument die vielleicht missverständliche Formulierung „Herrschaft der falschen Freiheit“ kritisiert.

In der sich anschließenden Diskussion führt bigmouth als Argument für eine Unterscheidung von falscher und richtiger Freiheit die bekannte Marx-Stelle MEW 25, 828 an:

Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit beständiger Erweiterung ihres Reproduktionsprozesses hängt also nicht ab von der Länge der Mehrarbeit, sondern von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder reichhaltigen Produktionsbedingungen, worin sie sich vollzieht. Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.

Darauf entgegnet ein gewisser Willi:

Wenn man bei Marx unbedingt nach Stellen fahnden will, wo er das Wort Freiheit in den Mund nimmt, wird man natürlich auch fündig. Suchmaschine macht’s möglich. Bloß wird Marx als „Verfechter der Freiheit“ dadurch nicht zur Berufungsinstanz, als die man ihn gerne haben will. Inhaltlich kann ich von einer Verteidigung bürgerlicher Freiheit nämlich gerade nichts entdecken.

Wer die jemals bei Marx entdeckt haben will, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Etwas umformuliert sagt das Zitat folgendes: Freiheit im Kommunismus? Schminkt euch mal eure naiven Schlaraffenlandphantasien ab! Erstmal muss man für seine Reproduktion arbeiten, wie in jeder anderen Produktionsweise auch. Der Mensch ist da überhaupt nicht frei, sondern auf Reproduktion seines Leben festgelegt. Freiheit kann in diesem Bereich nur bedeuten, dass die Gesellschaft den Stoffwechsel mit der Natur rationell erledigt, statt von ihm beherrscht zu werden.

Schön, Reich der Freiheit = Reich der Freizeit. Aber die Ausdehnung des Reichs der Freiheit ist schon allemal besser als die vom Reich der Notwendigkeit.

Freiheit löst sich also auf in gemeinschaftlichen, bewussten, vernünftigen Umgang mit der Natur. Erst danach kann sich die Gesellschaft/das Individuum freie Zwecke setzen.

Freiheit löst sich also auf, anstatt dass das Setzen von freien Zwecken vielleicht mal eine nicht so falsche Bedeutung von „Freiheit“ wäre.

Ein terminologischer Eiertanz.

Brauchen wir einen ernsten „Schwarzen Ritter“?

Letzten Donnerstag habe ich gleich zum Kino-Start den neuen Batman-Film The Dark Knight gesehen. Nicht zuletzt die enthusiastischen Kritiken zu Heath Ledgers Verkörperung des Jokers (seine letzte Rolle) und ein Photo davon in der Berliner Zeitung animierten mich zum unverzüglichen Besuch eines Multiplex-Lichtspielhauses.
Irgendwo hab‘ ich gehört, dieser Film sei realistischer & düsterer als die Serie der 90′er, die vielleicht mit „Batman“ in der Regie von Tim Burton (1989) begann. Aber ist der Batman-Stoff überhaupt für eine „realistischere“ Behandlung geeignet? (mehr…)

Ein neuer Link

Letztens habe ich in Hate – Zeitschrift für Relevanz & Stil ein Interview mit dem blogsport-Kollegen ganymed gelesen. Zwar bin ich nicht unbedingt mit allem einverstanden, was er da sagte. Aber er hat ein Bewusstsein für die Schwierigkeiten dieses kontroversen, aber trotzdem tabuisierten Themas.

Ich meine jedenfalls, dass „Medikamente“, die einen impotent machen, bestimmt keine Lösung sind.

Eine gute Adresse zu einem wichtigen Thema. Daher habe ich ganymed verlinkt.

Trotz zahlreicher anderslautender Aussagen …

Das Salz in der Suppe ist immer Natriumchlorid (NaCl)!

Für die freie Assoziation der unmenschlichen Maschine!

Tja, kürzlich hatte ich meine Anzeigen-Ecke oben rechts von GoogleAds auf BannerVista umgestellt. Das war sicher kein Fehler.
Aber während BV einem halt linke Werbeanzeigen auf den Blog lanciert, zeigt GA, was dem Netzmoloch rein automatisch zu zufällig marktrelevanten Reizwörtern auf meiner Seite einfällt. Zur Zeit gerade dies:

Weinaromen
Besuchen Sie unseren Shop. Geschenkartikel und mehr!

Für den Anfang gar nicht so schlecht, will ich meinen. Hoffentlich gibt es dann auch mal wieder die Anzeige für Alkoholgehaltsmessgeräte oder so.

Oder hey! So unmenschlich ist die Maschine vielleicht gar nicht. Ich habe es doch in der Hand:

Eric Dolphy, Rex Gildo, Eckhard Henscheid, Willy Brandt, Brandt-Zwieback, Adorno, Adorno, Adorno, Adorno, Adorno, Ludwig Tieck.

So. Wollnwa dochma sehn.

Was hat sich bloß geändert?

Gerade lese ich auf der Werbefläche meines Blogs: „Die Vernichtung der Wurzeln des Faschismus bleibt unser Ziel / Antifa.de“. Aber jetzt wird nicht mehr carhartt, sondern Jingler’s getragen?

Pæris – Veranstaltungen in nächster Zeit

Pæris bietet in den kommenden drei Monaten je eine Veranstaltung an:

- am 14. Dezember 2007 nochmals über Drogenpolitik: einen Abend mit Vortrag und Diskussion (Freitag, 14. Dezember 2007, 20.00 Uhr im „Lokal“, Rosenthaler Straße 71 (direkt am U8-Bahnhof Rosenthaler Platz))

- vom 25. bis 27. Januar 2008 ein Wochendseminar in Berlin zum Fetischcharakter des Kapitals

und

- am 23. Februar 2008 in Berlin ein Tagesseminar, das sich der Bedürfniskritik widmet.

gar nicht so absurd

Die Berliner Zeitung von Freitag, dem 16. November 2007, mokiert sich gleich auf Seite 1 über David Lynchs Engagement für die Transzendentale Meditation und illustriert deren anscheinende Fragwürdigkeit u. a. mit folgender Einlassung des großen Regisseurs:

Man fühle sich, sagte er Anfang des Jahres in Berlin, nach der Meditation ganz ruhig, aller Alltagssorgen enthoben, so als habe man Millionen auf dem Konto und stopfe sich jeden Tag die Taschen voll.

Sonst hört man vor allem, Lynch meine, die Transzendentale Meditation führe zu Wohlstand und Frieden, wenn hinreichend viele sie ausübten. Zusammen mit obigem Zitat wurde mir jetzt erst klar, wie diese Meditation dazu führen soll: es wird wohl vorausgesetzt, dass der Mensch eigentlich ein egoistisches, gieriges Wesen ist. Kein Wunder, wenn dann Krieg und Armut an der Tagesordnung sind. Die Transzendentale Meditation soll einem nun das geben, was man sonst durch Beharken seiner Mitmenschen zu erreichen sucht – Ruhe, Zufriedenheit und das Gefühl, keinen materiellen Mangel zu erleiden. Alles eher negativ bestimmte Vorteile, die man von diesem Meditieren haben soll.
Zwar kann man dagegen einwenden, dass man vom Meditieren wohl kaum satt werde. Aber soweit würden dessen Verfechter wahrscheinlich auch nicht gehen. Eher hat man es wohl mit einer Spielart dieser Überlegung zu tun: eine ganze Reihe von Menschen stirbt Hungers, obwohl es genug zu essen gibt auf der Welt. Dann muss doch irgendwie am Umgang der Menschen miteinander was nicht stimmen. So weit, so noch gar nicht verkehrt.
Was offenbar nicht stimmt, wird dann aber leider erstmal nur in einer inneren Beschaffenheit jedes einzelnen Menschen gesucht, die womöglich noch als natürlich behauptet wird. Merkwürdig und gruselig wie dann aber doch noch die gesellschaftliche Dimension dazukommt: es gibt ein öffentliches Engagement für die Transzendentale Meditation; wenn man genügend meditierende Leute sei, gäbe es Frieden und Wohlstand auf der Welt. Latent enthält das natürlich den ekligen Rückschluss, dass die Nicht-Meditierenden schuld seien am Unglück in der Welt. Die Anderen sind ja immer die Hölle.

Aber jedenfalls ist die Empfehlung einer eher ideellen Kompensation für einen materiellen Mangel keineswegs so absurd wie der Spott über Lynchs Weltanschauung behauptet, sondern vielmehr eine beliebte Denkfigur. So schreibt Klaus Georg Koch im größten Artikel auf der Meinungsseite derselben Ausgabe der Berliner Zeitung abschließend:

… tatsächlich hat die sogenannte Lohnzurückhaltung der Arbeiter und Angestellten – auch der Lokführer, die vom globalen Wettbewerb gar nicht direkt betroffen sind – der Volkswirtschaft Gewinn eingebracht. Von diesem Gewinn wollen die Leute jetzt profitieren, sie wollen eine Anerkennung sehen. Die Manager sollten ihre Rechnung damit machen. Wenn die abkühlende Weltwirtschaft und der Inflationsdruck durch Öl und Lebensmittel bald wieder neue Verzichtsleistungen notwendig machen, dann wird es gut gewesen sein, jetzt etwas für den sozialen Frieden getan zu haben.

Bundestrojaner verpiss dich!

Wie kann man sich gegen eine Online-Durchsuchung schützen? Man setzt einen Filter gegen Programme ein, deren Bit-Code signifikant überdurchschnittlich oft die Folge „110″ enthält.
Na ja, die Kollegen von ukw beta werden auch schon drauf gekommen sein.

Kritik zum Vatertag / Herrentag

Ein neuer Stern ist am Himmel der Agitation aufgegangen: eine neue politische Gruppe aus Berlin hat zwar noch keinen endgültigen Namen, aber schon einen Text zum heutigen Herrentag ‚rausgehaun:

Von Männern und Menschen

Wenn dieses Jahr am 17.5. grölende Männerhorden die Straße unsicher machen, sexistisch und rassistisch auffällig werden und ihren Aggressionen freien Lauf lassen, dann nennt sich das Herrentag. Der Tag, an dem die Männlichkeit der Welt sich selbst feiert. Scheinbar hat sie es nötig. Dabei ist das Männliche, wie sein Pendant, das Weibliche, ein beschissenes Konstrukt, das aus einer vermeintlich biologisch festgelegten Binarität der Geschlechter abgeleitet wird. Nach der Geburt reicht es nicht aus, einfach nur Mensch zu sein, sondern die Menschheit wird aufgrund ihrer biologischen Reproduktionsmöglichkeiten in zwei Schubladen, die im extremen Widerspruch zur persönlichen Identität stehen können, verteilt. Wenn anhand der Geschlechtsmerkmale die Kategorien nicht eindeutig sind, entscheidet notfalls immer noch der Arzt oder die Ärztin, wer als Mann oder Frau angesehen wird. Ob man sich später als Mann oder Frau, entsprechend oder entgegen dem medizinisch festgelegten Geschlecht fühlt, spielt für die landläufige Geschlechtervorstellung keine Rolle, denn: wer Titten hat ist eine Frau, wer einen Schwanz hat ist ein Mann.
Was als arschklare Tatsache festgestellt wird, ist Ausdruck tradierter Geschlechterrollen, die die Fähigkeiten und die Persönlichkeit eines Menschen davon ableiten, ob er oder sie ein bisschen mehr Fleisch zwischen den Beinen hängen oder auf der Brust sitzen hat. Trotz der Kämpfe der Frauenbewegung, Quotenregelung und der Bundeskanzlerin hat sich hartnäckig die Vorstellung vom aktiven, starken, rationalen Mann und der passiven, schutzbedürftigen, emotionalen Frau gehalten, die – sich gegenseitig ergänzend – angeblich die natürliche und entsprechend normale soziale Beziehungsstruktur bilden.
Diese Idee stammt noch aus grauen Vorzeiten, in denen der Mensch sich die Welt anhand von Mythen erklärte und den Mond anbetete. Was sich einstmals als Herrschaftsverhältnis zwischen Mann und Frau entwickelte, hat sich leider bis heute gehalten, trotz aller gesellschaftlichen Zivilisierungsprozesse, aber schockierenderweise gerade auch wegen der Aufklärung, die die Rationalität dem Schwanz und das Gefühl der Gebärmutter zu schrieb. Das liegt nicht daran, dass sich alle Männer dieser Welt immer dienstags im Herrenclub treffen, um ihre Herrschaft über die Frauen zu festigen, sondern an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die seit Jahrhunderten die Tradition, Männer zu bevorteilen, weitertragen.
Die Gesellschaft selbst bringt immer wieder das Geschlechterverhältnis hervor. Dass Frauen schlechter bezahlt werden, schwieriger an hochrangige Berufspositionen gelangen und ihnen ganz allgemein weniger zugetraut wird als Männern, liegt daran, dass Männer, aber auch Frauen selbst, diese Zustände alltäglich durch ihr Denken und Handeln reproduzieren. Gleichzeitig protegiert der Staat durch seine Ehe- und Familienpolitik die Funktion der Frau als Gebärmaschine, um ausreichend reinblütig nationales Menschenmaterial für seine Zwecke zur Verfügung zu haben und seine Leitkultur nicht durch ausländische Arbeitskräfte verfremden zu lassen.
Ihre Unverwüstlichkeit erlangen die Geschlechterrollen aber auch durch das Identifikationsangebot, das sie eröffnen: Sie implizieren ein Glücksversprechen für das Leben in einer konkurrenzbestimmten Welt, deren Mechanismen sich hinter dem Rücken der Subjekte durchsetzen. Gerade dieses Glücksversprechen erfüllt die nachvollziehbare Sehnsucht selbst einer Karrierefrau, ihren stressigen Arbeitsalltag doch wieder für ein scheinbar behütetes Dasein als Hausmuttchen aufzugeben und die Sehnsucht eines Hausmannes, nicht nur das brave Bäuerchen seines Görs und den Anblick blankgewienerter Töpfe, sondern die gesellschaftlich wesentlich anerkanntere Form des Erfolges, den allmonatlichen Gehaltszettel, als persönliche Bestätigung erleben zu können. Somit treten die Geschlechterrollen auch als Ersatz für das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge und die notwendige Kritik daran auf.
So hart die Lebensumstände auch sind, so hart wird doch um eine vereindeutigende Identifikation mit ihnen gekämpft. Dementsprechend brutal werden anders geartete Verhaltensweisen oder sexuelle Orientierungen abgelehnt und angegriffen, um die tradierten Geschlechtervorstellungen zu verteidigen. In einer doppelten Verteidigungsposition steht dabei der Mann, weil er nicht nur die soziale Tradition der Geschlechterverhältnisse als solche, sondern auch seine überlegene Position gegenüber den Frauen verteidigt. So verwundert es wenig, wenn Männer ihr vermeintlich so außergewöhnlich anstrengendes Dasein in einer scheinbar immer männerfeindlicheren Welt zum Anlass nehmen, um einmal im Jahr Rudel zu bilden, sich zu besaufen, aggro zu werden und das Ganze dann ein Fest nennen.

[Pæɹɪs]
PariszuGast@1630RevelloDrive.net