Archiv für Mai 2007

Kritik zum Vatertag / Herrentag

Ein neuer Stern ist am Himmel der Agitation aufgegangen: eine neue politische Gruppe aus Berlin hat zwar noch keinen endgültigen Namen, aber schon einen Text zum heutigen Herrentag ‚rausgehaun:

Von Männern und Menschen

Wenn dieses Jahr am 17.5. grölende Männerhorden die Straße unsicher machen, sexistisch und rassistisch auffällig werden und ihren Aggressionen freien Lauf lassen, dann nennt sich das Herrentag. Der Tag, an dem die Männlichkeit der Welt sich selbst feiert. Scheinbar hat sie es nötig. Dabei ist das Männliche, wie sein Pendant, das Weibliche, ein beschissenes Konstrukt, das aus einer vermeintlich biologisch festgelegten Binarität der Geschlechter abgeleitet wird. Nach der Geburt reicht es nicht aus, einfach nur Mensch zu sein, sondern die Menschheit wird aufgrund ihrer biologischen Reproduktionsmöglichkeiten in zwei Schubladen, die im extremen Widerspruch zur persönlichen Identität stehen können, verteilt. Wenn anhand der Geschlechtsmerkmale die Kategorien nicht eindeutig sind, entscheidet notfalls immer noch der Arzt oder die Ärztin, wer als Mann oder Frau angesehen wird. Ob man sich später als Mann oder Frau, entsprechend oder entgegen dem medizinisch festgelegten Geschlecht fühlt, spielt für die landläufige Geschlechtervorstellung keine Rolle, denn: wer Titten hat ist eine Frau, wer einen Schwanz hat ist ein Mann.
Was als arschklare Tatsache festgestellt wird, ist Ausdruck tradierter Geschlechterrollen, die die Fähigkeiten und die Persönlichkeit eines Menschen davon ableiten, ob er oder sie ein bisschen mehr Fleisch zwischen den Beinen hängen oder auf der Brust sitzen hat. Trotz der Kämpfe der Frauenbewegung, Quotenregelung und der Bundeskanzlerin hat sich hartnäckig die Vorstellung vom aktiven, starken, rationalen Mann und der passiven, schutzbedürftigen, emotionalen Frau gehalten, die – sich gegenseitig ergänzend – angeblich die natürliche und entsprechend normale soziale Beziehungsstruktur bilden.
Diese Idee stammt noch aus grauen Vorzeiten, in denen der Mensch sich die Welt anhand von Mythen erklärte und den Mond anbetete. Was sich einstmals als Herrschaftsverhältnis zwischen Mann und Frau entwickelte, hat sich leider bis heute gehalten, trotz aller gesellschaftlichen Zivilisierungsprozesse, aber schockierenderweise gerade auch wegen der Aufklärung, die die Rationalität dem Schwanz und das Gefühl der Gebärmutter zu schrieb. Das liegt nicht daran, dass sich alle Männer dieser Welt immer dienstags im Herrenclub treffen, um ihre Herrschaft über die Frauen zu festigen, sondern an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die seit Jahrhunderten die Tradition, Männer zu bevorteilen, weitertragen.
Die Gesellschaft selbst bringt immer wieder das Geschlechterverhältnis hervor. Dass Frauen schlechter bezahlt werden, schwieriger an hochrangige Berufspositionen gelangen und ihnen ganz allgemein weniger zugetraut wird als Männern, liegt daran, dass Männer, aber auch Frauen selbst, diese Zustände alltäglich durch ihr Denken und Handeln reproduzieren. Gleichzeitig protegiert der Staat durch seine Ehe- und Familienpolitik die Funktion der Frau als Gebärmaschine, um ausreichend reinblütig nationales Menschenmaterial für seine Zwecke zur Verfügung zu haben und seine Leitkultur nicht durch ausländische Arbeitskräfte verfremden zu lassen.
Ihre Unverwüstlichkeit erlangen die Geschlechterrollen aber auch durch das Identifikationsangebot, das sie eröffnen: Sie implizieren ein Glücksversprechen für das Leben in einer konkurrenzbestimmten Welt, deren Mechanismen sich hinter dem Rücken der Subjekte durchsetzen. Gerade dieses Glücksversprechen erfüllt die nachvollziehbare Sehnsucht selbst einer Karrierefrau, ihren stressigen Arbeitsalltag doch wieder für ein scheinbar behütetes Dasein als Hausmuttchen aufzugeben und die Sehnsucht eines Hausmannes, nicht nur das brave Bäuerchen seines Görs und den Anblick blankgewienerter Töpfe, sondern die gesellschaftlich wesentlich anerkanntere Form des Erfolges, den allmonatlichen Gehaltszettel, als persönliche Bestätigung erleben zu können. Somit treten die Geschlechterrollen auch als Ersatz für das Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge und die notwendige Kritik daran auf.
So hart die Lebensumstände auch sind, so hart wird doch um eine vereindeutigende Identifikation mit ihnen gekämpft. Dementsprechend brutal werden anders geartete Verhaltensweisen oder sexuelle Orientierungen abgelehnt und angegriffen, um die tradierten Geschlechtervorstellungen zu verteidigen. In einer doppelten Verteidigungsposition steht dabei der Mann, weil er nicht nur die soziale Tradition der Geschlechterverhältnisse als solche, sondern auch seine überlegene Position gegenüber den Frauen verteidigt. So verwundert es wenig, wenn Männer ihr vermeintlich so außergewöhnlich anstrengendes Dasein in einer scheinbar immer männerfeindlicheren Welt zum Anlass nehmen, um einmal im Jahr Rudel zu bilden, sich zu besaufen, aggro zu werden und das Ganze dann ein Fest nennen.

[Pæɹɪs]
PariszuGast@1630RevelloDrive.net