Brauchen wir einen ernsten „Schwarzen Ritter“?

Letzten Donnerstag habe ich gleich zum Kino-Start den neuen Batman-Film The Dark Knight gesehen. Nicht zuletzt die enthusiastischen Kritiken zu Heath Ledgers Verkörperung des Jokers (seine letzte Rolle) und ein Photo davon in der Berliner Zeitung animierten mich zum unverzüglichen Besuch eines Multiplex-Lichtspielhauses.
Irgendwo hab‘ ich gehört, dieser Film sei realistischer & düsterer als die Serie der 90′er, die vielleicht mit „Batman“ in der Regie von Tim Burton (1989) begann. Aber ist der Batman-Stoff überhaupt für eine „realistischere“ Behandlung geeignet?

Batman früher & heute

Vielmehr scheint es sich doch um ein solch groteskes Phantasiegebilde zu handeln, dass es bei ernsthafter Umsetzung nur unfreiwillig komisch werden kann:
Gotham City, eine ständig nachtschwarze, „gothische“ Version von Manhattan; das unbestritten alberne Fledermaus-Kostüm, das einen von Superhelden-Kräften freien Bruce Wayne doch wohl eher bei der Verbrecherjagd behindert als unterstützt und schließlich der aberwitzige Aufwand an technischen Features, mit denen der Held und seine verbrecherischen Gegner agieren. Wie paranoid muss man sein, um dabei nicht zu lachen? Ja, hätte nicht ein Batman-Bildband genügt, um aus Carl Schmitt einen samtweichen Sozialdemokraten zu machen?

Aber es stimmt: Christopher Nolan & Co haben sich bemüht, die gewohnten Übertreibungen des Batman-Stoffs abzuschwächen und somit eine halbwegs ernst gemeinte Version abzuliefern.
Gotham City ist hier keine Stadt in einem pessimistisch verfremdeten Parallel-Universum, sondern sieht aus wie Manhattan oder eine andere amerikanische Großstadt mit vielen Wolkenkratzern. Zudem gibt es einen Abstecher nach Hongkong, damit die Integration in die reale Welt.
Gotham verfinstert sich erst nach und nach durch die wachsende Macht des Jokers, der gegen Ende die gesamte Bevölkerung in panikartige Flucht treibt. Die Düsternis dieser Stadt ist also keine bloß klischeemäßig behauptete (wie noch in Burtons „Batman“ (1989)), sondern wird im Laufe der Handlung motiviert.

Um die Fragwürdigkeit des Fledermauskostüms wird kein Bogen, sie wird zum Thema gemacht: Beim ersten Auftritt des Schwarzen Ritters gegen sich in einem Parkhaus treffende Gangster befinden sich bereits sehr hilfsmäßig als Batman verkleidete Trittbrett-Fahrer auf der Szene, denen er erstmal die Gewehrläufe verbiegen muss. Er macht allerdings auch selber keine gute Figur, sondern prallt voll gegen einen Betonpfeiler. Aus diesem misslungenen Auftritt zieht er dann den Schluss, dass sein Kostüm zu starr ist – besonders im Nackenbereich, so dass er seinen Kopf nicht umdrehn kann.
Diese Kinderkrankheit wird allerdings schnell beseitigt. Und dass der Held in seinem Kostüm wie eine Fledermaus flatternd fliegt statt sich die ganze Zeit mit Bat-Ropes und Bat-Bumerangs abzumühen, finde ich schon ganz nett.
Der immense technologische Aufwand, der die Batman-Figur zwar in Richtung Phantastik bzw. Science Fiction rückt, aber ja ebenso beim „realistisch gemeinten“ James Bond dazu gehört, wird also auch bei Nolan nicht ausgespart. Allerdings sind die besonderen technischen Features ganz für den Schwarzen Ritter reserviert. Während also Gangster und Polizei die heute real verfügbaren Mittel benutzen, leistet sich der Milliardär Bruce Wayne mit seiner persönlich motivierten Mission gegen das organisierte Verbrechen einen fragwürdigen Spleen.
Sogar geradezu minimalistisch tritt dagegen der Joker auf. Zumindest im Nahkampf führt er meistens ein grotesk kurzes Messer, dass irgendwie an einen Kartoffelschäler erinnert – ansonsten benutzen er und seine Clowns Schusswaffen (auch Panzerfäuste), Benzin und Dynamit. Unglaubwürdig ist dabei vor allem, dass der Joker mit einer Bande aus ‚Psychopathen‘, die sich ja – so die Unterstellung des Films – eh von jeglichem Zweckkalkül verabschiedet haben1, so viel gebacken bekommt.

Heath Ledger als Joker

… agiert mit schnörkelloser Rotzigkeit: seine Bewegungen sind meist fahrig, seine Haare fettig und ungekämmt. Er stört sich nicht daran, wenn im Eifer des Gefechts wieder Hautfarbe durch die weiße Schminke scheint. Und fährt oft mit der Zunge zwischen den ehemals mit einem (seinem?) Messer zu der Karikatur eines Lächelns erweiterten Mundwinkeln hin und her, womit er mich an Klaus Kinski erinnert. Er will kein Gag-Feuerwerk abbrennen, sondern lieber die ganze Stadt und lacht nur, wenn er Prügel kriegt.
Er soll so (wie man den von Sinnhuberei nicht freien Dialogen entnimmt) den Hedonismus eines Chaoten, ja das Chaos selbst verkörpern: er muss sich nicht disziplinieren, weil er ja keinen Plan verfolgt, sondern vielmehr Leute mit Plänen angreift.
Und das gefällt mir jedenfalls besser als der Joker von Jack Nicholson (1989), der mit umständlich arrangierten Auftritten für preziöse Langeweile sorgt. Wohl nicht zufällig erinnert das tadellose Äußere des alten Jokers an den weißgeschminkten Mephistopheles von Gustaf Gründgens.

vorläufiges Resümee

Ich habe den ersten Teil der Nolan-Reihe (‚Batman begins‘ (2005)) noch nicht gesehen, aber von ‚The Dark Knight‘ her würde ich jetzt mal sagen: Dieser Batman ist nicht so operettenhaft pompös wie seine Vorgänger und vor allem auch die Comic-Vorlage, dafür schon etwas alptraumhafter. Um was Konkreteres zur Message (irgendwas mit Notstand) zu sagen, muss ich die Nolan-Filme wohl noch mal gucken.

  1. Beim Banküberfall zu Anfang des Films lässt er seine Komplizen-Clowns sich gegenseitig aus dem Weg räumen. [zurück]

3 Antworten auf „Brauchen wir einen ernsten „Schwarzen Ritter“?“


  1. 1 Oliver Jelinski 25. August 2008 um 10:23 Uhr

    Hallo, vielen Dank für die spannende Einschätzung. Eine Frage hab ich alleridngs dazu: Die Sache, dass die Düsterniss von Gotham City durch die Handlung motiviert wird – ist das wirklich besser? Geht das nicht davon aus, dass grundsätzlich die Welt schon o.k. ist, wenn nicht böse, chaotische Individuen die Ruhe und Ordnung stören? Zugegeben, das Gegenteil, also, dass die Welt immer düster ist, ist eine recht einfache Metapher, die der Real World angemessen politisch, aber genauso auch ontologisch oder existenziell gelesen werden kann, und damit Platz für viel miesen Dreck lässt. Aber wenn ich mich nicht irre, waren immerhin in den alten Filmen sowohl der Joker als auch der Pinguin, als auch in besonders hübscher Weise Catwoman als Produkt der Verhältnisse (Armut, eklige Jobs, etc.) gezeichnet, nicht andersrum die Verhältnisse als Produkt von wenigen Einzelnen.

    Sehr gespannt auf eine Fortsetzung grüßt Oliver

  2. 2 alkohol 26. August 2008 um 12:47 Uhr

    Ich muss zugeben, dass ich die Schurken der 90′er nicht so gut auf dem Schirm habe – vor allem wie dargestellt wird, wie sie dazu geworden sind. Aber so weit ich mich erinnere, waren diese Schurken wie Batman selbst Typen in einer Kostüm-Revue, selbstzweckhafte Klischees, die entfernt nach L‘art pour l‘art und Fin de siècle riechen (Mr. Freeze hat’s immer mit dem kalten Element, Catwoman
    mit den Katzen, Poison Ivy mit giftigen Pflanzen usw.).
    Ziemlich aufwändig gingen sie zu Werke, so dass man sich fragen konnte: Wozu die ganze Pracht bzw. der ganze Stress? Wenn sie sich das leisten können – warum hängen sie nicht einfach gepflegt rum? Und wenn sie mal jemanden umlegen müssen, warum dann nicht unauffälliger?
    Entsprechend triefte das per se „düstere“ Gotham trotz ständiger Dunkelheit und gotischer Grotesk-Figuren auf den Dächern nur so vor Ironie. Schwebt die Düsternis nicht ganz unkonkret über dieser Welt? Und wird der Werdegang der Schurken nicht durch zufälliges individuelles Pech motiviert?
    Damit soll nichts gegen diese klischee-verkleisterte Welt gesagt werden – gehört sie doch wohl seit je zum Batman-Stoff dazu und kann auch ganz vergnüglich sein.

    Die Sache, dass die Düsterniss von Gotham City durch die Handlung motiviert wird – ist das wirklich besser? Geht das nicht davon aus, dass grundsätzlich die Welt schon o.k. ist, wenn nicht böse, chaotische Individuen die Ruhe und Ordnung stören?

    Das ist wohl der Ausgangspunkt des Batman-Stoffs wie vielleicht überhaupt von Superhelden-Legenden:
    irgendwie nimmt das Chaos überhand – zunächst einmal durch allgemeine Korruption und organisiertes Verbrechen (so ähnlich wohl auch die hart gekochten Krimis von Hammett, Chandler oder auch Spillane), dann auch noch durch merkwürdige Freaks, deren schräges Tun nun erst gedeihen kann – da brauchen wir doch einen starken Mann, der endlich mal aufräumt ohne die Beschränkungen durch den Rechtsstaat.

    Da ist die heitere Bearbeitung dieses Stoffs in den 90′ern vielleicht die nettere, sozusagen liberale Variante, die einem augenzwinkernd sagt: „Sind wir nicht alle ein bisschen korrupt? Wären wir alle nicht gern mal Superheld bzw. Superschurke? Aber beides sind nur lustige Übertreibungen.“

    The Dark Knight nimmt den Ausgangspunkt dagegen ernst. Und ich frage mich, ob dabei gruselige, faschistoide Ideologie rauskommt oder ob die Absicht von Nolan & Co ist, die verzerrte, faschistoide Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit, für die Bruce Wayne stellvertretend steht, immanent zu kritisieren.

    Jedenfalls hat der Joker in diesem Film seinen eigenen Reiz. Indem er mit minimalem Aufwand und ohne pompöse Selbstinszenierung so viel Chaos verbreitet, hat er einfach mehr Drive als der Joker von 1989.
    Bei ihm fragt man sich nicht (oder in ganz anderer Hinsicht), wozu er sich den ganzen Stress macht. Er ist der pathologische Freak aus Bürgers Alpträumen, der gar nicht für’s eigene Wohlergehen gaunert, sondern gegen jede Zweckrationalität opponiert. 1
    Da ist es konsequent, dass er keine geschniegelten Auftritte hat, sondern diese hedonistische Nachlässigkeit an den Tag legt. Dass ihn Geld nur so weit interessiert wie er für Waffen, Sprengstoff und Benzin gerade nötig hat (er verbrennt z. B. in einer Szene einen riesigen Haufen Geldscheine, mit dem Hinweis, dass Benzin & Dynamit ja doch recht billig zu haben seien).
    Und vor allem: dass seine Identität und seine Vorgeschichte im Dunkeln bleiben. Zwar erzählt er öfter, wie er zu den von seinen Mundwinkeln ausgehenden Narben gekommen ist, aber jedesmal ist’s eine andere Geschichte.

    Die Figur des pathologischen Freaks wird hier genauer durchgeführt, was in Der Schwarze Ritter auch gleich bedeutet, dass sie als Phantom erscheint.
    Ist sie nicht das Zerrbild des moralischen, selbstlosen Menschen, wie der Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent (von Fans wie Bruce Wayne gern auch „Weißer Ritter“ genannt, gegen Ende jedoch zum Bösewicht „Two-Face“ geworden) fast einer gewesen wäre?

    Unterm Strich vielleicht bedeutungsschwangere Wedelei mit dem Zeigefinger, aber in den Details der Darstellung des Jokers für mich schon eine reizvolle Variante.

    1. Beispiele für diese Wahrnehmungsweise sind vielleicht Hartmut Mehdorn und Ahmadinejad. [zurück]
  3. 3 schons 05. September 2008 um 20:40 Uhr

    sehr spannender text. allerdings stimme ich in geschmäcklerischen sachen nicht überein; mir lagen die opulent inszenierten batman-filme mehr. der joker als plakativ über allem schwebendem war mir lieber als der eben aus der anstalt entflohene wirrkopf, dessen nihilistischer gestus den ersten eindruck leider nicht wirklich relativiert.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.