Archiv für August 2009

Vermeidung des F-Worts um jeden Preis

Schon vor einiger Zeit hat das geprüfte Argument die vielleicht missverständliche Formulierung „Herrschaft der falschen Freiheit“ kritisiert.

In der sich anschließenden Diskussion führt bigmouth als Argument für eine Unterscheidung von falscher und richtiger Freiheit die bekannte Marx-Stelle MEW 25, 828 an:

Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit beständiger Erweiterung ihres Reproduktionsprozesses hängt also nicht ab von der Länge der Mehrarbeit, sondern von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder reichhaltigen Produktionsbedingungen, worin sie sich vollzieht. Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.

Darauf entgegnet ein gewisser Willi:

Wenn man bei Marx unbedingt nach Stellen fahnden will, wo er das Wort Freiheit in den Mund nimmt, wird man natürlich auch fündig. Suchmaschine macht’s möglich. Bloß wird Marx als „Verfechter der Freiheit“ dadurch nicht zur Berufungsinstanz, als die man ihn gerne haben will. Inhaltlich kann ich von einer Verteidigung bürgerlicher Freiheit nämlich gerade nichts entdecken.

Wer die jemals bei Marx entdeckt haben will, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Etwas umformuliert sagt das Zitat folgendes: Freiheit im Kommunismus? Schminkt euch mal eure naiven Schlaraffenlandphantasien ab! Erstmal muss man für seine Reproduktion arbeiten, wie in jeder anderen Produktionsweise auch. Der Mensch ist da überhaupt nicht frei, sondern auf Reproduktion seines Leben festgelegt. Freiheit kann in diesem Bereich nur bedeuten, dass die Gesellschaft den Stoffwechsel mit der Natur rationell erledigt, statt von ihm beherrscht zu werden.

Schön, Reich der Freiheit = Reich der Freizeit. Aber die Ausdehnung des Reichs der Freiheit ist schon allemal besser als die vom Reich der Notwendigkeit.

Freiheit löst sich also auf in gemeinschaftlichen, bewussten, vernünftigen Umgang mit der Natur. Erst danach kann sich die Gesellschaft/das Individuum freie Zwecke setzen.

Freiheit löst sich also auf, anstatt dass das Setzen von freien Zwecken vielleicht mal eine nicht so falsche Bedeutung von „Freiheit“ wäre.

Ein terminologischer Eiertanz.